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Coworking: Mehr als nur ein geteilter Schreibtisch
Immer die gleichen vier Wände, die gleiche Aussicht, der gleiche Stuhl. Unser Autor Nick wollte mal raus – nicht in die Ferien, sondern in einen neuen Arbeitsalltag. Sein Experiment im Coworking Space wurde zu einer echten Entdeckung.
Remote-Arbeit ist in der Schweiz nicht für alle selbstverständlich. Tatsächlich haben laut dem Bundesamt für Statistik nur etwas mehr als ein Drittel der Arbeitnehmenden diese Option. Dennoch hat sie still und leise verändert, wie viele von uns den Arbeitstag erleben. Für diejenigen, die einen grossen Teil ihrer Woche zu Hause verbringen, ist die Freiheit willkommen – doch oft fehlt etwas: die Verbindung zu anderen.
Ich schreibe häufig über mentale Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz, und Verbindung – das Gefühl der Zugehörigkeit, Teil von etwas Grösserem zu sein – ist ein zentrales und wiederkehrendes Thema.
Studien der Universität Zürich und von Microsoft zeigen, dass Arbeitnehmende, die sogenannte „Third Spaces“ wie Coworking Spaces nutzen, ein geringeres Risiko für Burnout und ein stärkeres soziales Verbundenheitsgefühl aufweisen als jene, die ausschliesslich von zu Hause aus arbeiten. Coworking-Umgebungen steigern nicht nur die Produktivität, sondern wirken auch der Isolation entgegen und fördern ein Gemeinschaftsgefühl.
Coworking ist also mehr als nur ein Modewort. Obwohl das Konzept lange vor der Covid-19-Pandemie existierte, ist es heute relevanter und beliebter denn je – auch weil Arbeitgeber zunehmend flexible Arbeitsmodelle unterstützen. Für viele hat sich das klassische Büro von neun bis fünf zu einem viel flexibleren Konzept entwickelt. Coworking Spaces schlagen eine Brücke zwischen Zuhause und Unternehmenszentrale – und vielleicht auch zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft.
Was ist Coworking?
Im Kern bedeutet Coworking, dass man in einem gemeinsamen Büro flexibel arbeitet. Manche Orte sind sorgfältig kuratierte Kollektive, die Menschen aus ähnlichen Branchen zusammenbringen – konzipiert, um Kollaboration zu fördern und bedeutungsvolle Gemeinschaften zu schaffen. Andere sind lockerer – der Typ Arbeitsplatz, bei dem man mit einem Tagespass hereinschneit, sich einen Tisch schnappt und direkt loslegt.
Hier trifft man alle möglichen Leute: Freelancer:innen, Unternehmer:innen, hybride Arbeitnehmende, Remote-Angestellte und Geschäftsreisende auf der Durchreise. Es ist ein spannender Querschnitt des modernen Arbeitslebens – Gespräche über Start-ups, Design, KI und Marketing finden alle an derselben Kaffeemaschine statt.
Mein Coworking-Experiment
Die meiste Arbeit, die ich für jobs.ch mache, ist remote – was ich sehr schätze. Die Flexibilität ist ein Geschenk, aber sie bringt auch Herausforderungen mit sich. Nach einer Weile wurde es im Homeoffice fast zu ruhig. Also wollte ich etwas Neues ausprobieren.
Nicht weit von meinem Wohnort entfernt gibt es einen tollen Coworking Space. Er ist hell und modern, mit vielen Pflanzen und natürlichem Licht. Mit meinem QR-Code-Tagespass in der Hand kam ich früh an und wurde von der Rezeptionistin freundlich begrüsst. Nach dem Einchecken holte ich mir einen Kaffee vom Barista vor Ort, fand einen Platz am Fenster und stellte die WLAN-Verbindung her. Innerhalb von 30 Minuten war ich völlig im Arbeitsfluss – dieser produktive Rhythmus, der sich gleichzeitig ruhig und belebend anfühlt.
Es fühlte sich gut an, dort zu sein. In den folgenden Wochen erkannte ich immer mehr vertraute Gesichter: eine freiberufliche Designerin aus Deutschland, eine Texterin, die ihr eigenes Unternehmen gründete, ein Webentwickler eines Start-ups aus Amsterdam. Wir unterhielten uns in den Pausen, tauschten Tipps aus und gingen gelegentlich gemeinsam Mittag essen. Es erinnerte mich daran, dass Arbeit auch sozial sein kann – selbst wenn jede:r konzentriert für sich arbeitet.
Wer nutzt Coworking Spaces?
Coworking Spaces ziehen ganz unterschiedliche Menschen an:
- Freelancer:innen, die Struktur und menschlichen Kontakt suchen
- Unternehmer:innen, die an ihrer nächsten grossen Idee arbeiten
- Remote-Angestellte, die einen Tapetenwechsel brauchen
- Digitale Nomad:innen, die ein oder zwei Wochen bleiben und dann weiterziehen
Alle haben ihren eigenen Grund, dort zu sein – aber die gemeinsame Verbindung ist das Gemeinschaftsgefühl, ohne die Einschränkungen eines traditionellen Büros.
Warum nicht einfach im Café arbeiten?
Das habe ich versucht. Vielleicht funktioniert es für dich – für mich sind Cafés zum Entspannen da, nicht für Gespräche über Q4-Prognosen. Sicher, E-Mails lassen sich dort gut lesen, aber bei ernsthafter Arbeit fühlt es sich an, als würde man die Ruhe stören. Niemand möchte die Person sein, die „Hörst du mich?“ ins Laptop-Mikro ruft, während jemand anderes seinen Gipfeli geniesst.
Coworking mit Freund:innen
Eine andere Idee, mit der ich spiele, ist Coworking mit Freund:innen – reihum bei einander zu Hause. Es ist eine tolle Möglichkeit, Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem wichtig sind, mehr über ihre Arbeit zu erfahren und gleichzeitig selbst produktiv zu bleiben. Es ist vielleicht nicht für alle geeignet, aber ich mag den Gedanken, Produktivität wieder sozialer zu gestalten.
Die Nachteile (weil es immer welche gibt)
Coworking ist nicht perfekt:
Kosten: Mitgliedschaften oder Tagespässe können sich summieren, besonders wenn man regelmässig geht. Tagespässe kosten im Durchschnitt zwischen CHF 35 und 50, Monatsabos liegen bei etwa CHF 400 bis 600. Die Preise variieren je nach Häufigkeit, Lage und angebotenen Leistungen. Manche Unternehmen bieten Coworking-Zuschüsse im Rahmen flexibler Arbeitsregelungen – nachfragen lohnt sich.
Privatsphäre: Die gleiche Ruhe oder Vertraulichkeit wie zu Hause hat man nicht immer, und je nach Stimmung kann es in manchen Spaces auch laut werden.
Verfügbarkeit: Die besten Plätze (vor allem die am Fenster) sind schnell weg.
Trotzdem sind das für viele kleine Kompromisse im Vergleich zu den Vorteilen.
Die Vorteile
Der grösste Vorteil? Energie. Es ist einfach motivierend, von Menschen umgeben zu sein, die ebenfalls Dinge erledigen. Diese gemeinsame Dynamik ist schwer anderswo zu finden.
Dann ist da noch das Networking – spontane Gespräche, die Ideen, Zusammenarbeit oder sogar Freundschaften anstossen. Viele Spaces organisieren auch Community-Events: Frühstückstreffen, Talks von Gründer:innen oder After-Work-Drinks. Es sind entspannte, zwanglose Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen und sich als Teil von etwas Grösserem zu fühlen als nur der eigenen To-do-Liste.
Und natürlich hilft auch der Rhythmus der Routine. Einen festen Ort zu haben, schafft eine klare Trennung zwischen Arbeit und Zuhause – eine Linie, die leicht verschwimmen kann, wenn das Wohnzimmer gleichzeitig das Büro ist.
Wer Mitglied bei einem globalen Coworking-Netzwerk wie WeWork oder Regus ist, profitiert zudem davon, an jedem ihrer Standorte weltweit arbeiten zu können. So lässt sich Produktivität mit Entdeckergeist verbinden.
Eine Brücke schlagen
Wenn dein Unternehmen bereits ein Büro hat, mag es kontraintuitiv erscheinen, für einen weiteren Arbeitsplatz zu zahlen. Aber da immer mehr Menschen weiter vom Firmensitz entfernt wohnen, schafft Coworking eine Brücke. Es ist ein Mittelweg zwischen Isolation und langen Pendelwegen – ein Ort zum Konzentrieren, Vernetzen und Aufblühen.
Egal, ob du als Freelancer:in Fokus suchst, als Remote-Worker:in mehr Verbindung brauchst oder einfach nur die immer gleichen vier Wände satthast – Coworking könnte genau das Richtige für dich sein.